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Der deutsche Arzt, Kabarettist und Bestsellerautor Dr. Eckart von Hirschhausen ist zurzeit mit seinem Programm «Endlich!» auf Tour. In der Schweiz rief er zur Unterstützung der Stiftung Theodora auf. Von Hirschhausen war in Deutschland selbst als Spitalclown unterwegs, um den Alltag der kleinen Patienten aufzuheitern und gründete die Stiftung «Humor hilft heilen».

In Ihrem neuen Programm «Endlich» geht es um die Zeit. Was hat die Zeit mit Humor zu tun?

Wir leben länger als jede Generation vor uns, aber haben ständig das Gefühl, wir hätten keine Zeit – wenn das nicht komisch ist? Der Grundgedanke meines Programms „Endlich!“ ist: Wenn das Leben endlich ist, wann fangen wir endlich an zu leben? Um diese Frage zu ergründen ziehe ich alle Register: es gibt Kabarett, Musik und Zauberei. Viel zu lachen, zu staunen und auch was zum Nachdenken und mit nach Hause nehmen, auch ganz praktisches:  Ich unterziehe mich und einen Zuschauer einer digitalen Detox-Kur, erkläre wie man 10 Kilo gesund abnehmen kann, animiere das Publikum zu einer gemeinsamen Runde Beckenbodengymnastik und verrate, welche fünf einfachen Verhaltensregeln 15 zusätzliche Lebensjahre bedeuten können. Auf der Bühne bin ich so frei wie nirgendwo sonst, ich kann jeden Abend improvisieren und ausprobieren – das macht mir Spaß und dieser Funke springt auf das Publikum über. In der zweiten Hälfte erzählen mir Zuschauer von sich aus, was sie auf ihrer inneren „Lebenslust-Liste“ haben – und was da kommt, das kann sich ohnehin keiner ausdenken. Deswegen ist jeder Abend einzigartig. Für die Zuschauer wie für mich.

Warum sollte man Humor ernst nehmen?

Man muss Humor ernst nehmen – Humor ist überhaupt nichts Oberflächliches, sondern das tiefe Einverständnis in die Widersprüchlichkeit, in die Absurdität und die unauflösbaren Rätsel unserer Existenz. Von Karl Valentin stammt der weise Satz: Wenn es regnet, freue ich mich. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch. Der Humor wurde uns geschenkt als Ausweg und Trost, damit wir über Dinge, die wir nicht ändern können, nicht verrückt werden oder verzweifeln. Ich habe gerade ein tolles Beispiel erlebt, wo mich ein elfjähriges Mädchen zu meiner neuen CD „Ist das ein Witz?“ mit Kinderwitzen interviewt hat. Ganz beiläufig erwähnte sie, dass ihre Mutter Brustkrebs hat und gerade Chemotherapie bekommt. Und dann erzählte sie, dass sie das doof fand, die Glatze unter einem Tuch oder einer Perücke zu verstecken, weil man das ja trotzdem sofort sieht, dass was nicht stimmt. Als die beiden zu einem Konzert gingen, pappte sie ihrer Mutter ein Abziehbild, ein Schmetterlings-Tattoo mitten auf die Glatze. Und damit zeigte sie, ohne sich der Tragweite dieser „Deko“ bewusst zu sein: ja – die Glatze ist da, aber wir verstecken sie nicht, wir schämen uns nicht dafür – wir machen das Beste draus!

Sie setzen sich ein für «Glück als Schulfach». Warum?

Warum nicht? Das mag erst einmal erstaunlich klingen, aber warum eigentlich? Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass man Sprachen erlernen kann, sowie Mathe, Geschichte und Biologie. Wenn man unter Glück zum Beispiel Genießen-Können, Achtsamkeit, Stärkenorientierung, Beziehungspflege, Widerstandfähigkeit in Krisen und Sinnsuche versteht – das kann man lernen und es lohnt sich. Wie viele Wege kennen Sie, sich aus schlechter Laune zu befreien? Wenn ich mich und meinen Körper besser kenne, muss ich weder auf Glotze oder Schokoriegel zurückgreifen, dann bewege ich mich, kümmere mich um andere oder habe gelernt, negative Gedankenschleifen zu unterbrechen. Wenn man sich vor Augen hält, was Übergewicht, Rückenschmerzen und Depression volkswirtschaftlich und seelisch an Kosten verursacht, ist es höchste Zeit, mehr Gesundheit und Psychologie an dem Ort zu lehren, wo wir am schnellsten lernen: in der Schule. Wenn ich überlege, was von meinem Schulwissen ich tatsächlich im Leben jemals wieder gebraucht habe, und was nicht, wirkt die Forderung, Glück als Schulfach einzuführen, nicht utopisch, sondern sehr vernünftig.

Weshalb ist Glück ansteckend?

Wir können uns nicht selber kitzeln. Für Positive Gefühle entstehen im Miteinander: Lachen, Glück und Freude. So wenig wie wir uns selber kitzeln können, braucht es andere um uns mit positiven Gefühlen anzustecken. Und im besten Fall entsteht dann eine wahre Glücksepidemie…

Schadet Lachen wirklich der Krankheit? Oder anders formuliert: Denken Sie, dass Humor den Genesungsprozess der Kinder positiv beeinflusst?

Lachen hilft gegen Schmerzen. Das kann jeder ausprobieren: Hauen Sie sich mit einem Hammer zweimal auf den eigenen Daumen, einmal alleine und dann noch einmal in Gesellschaft. Sie spüren den Unterschied. Alleine tut es lange weh. Wenn ich mit Anderen lachen kann, lässt der Schmerz nach. Deshalb sollte niemand mit Schmerzen lange alleine sein und etwas zu lachen bekommen. Das ist der Grundgedanke meiner Stiftung «Humor hilft heilen». Unsere Mission ist es, die heilsame Stimmung im Krankenhaus zu fördern und modernes psychologisches Wissen in die Praxis und Schulen zu bringen. «Humor hilft heilen» hat vor 10 Jahren angefangen, den Einsatz von Clowns in Krankenhäusern zu unterstützen. Inzwischen machen wir auch viele Workshops, Vorlesungen und Programme um die Pflegekräfte und zukünftigen Ärzte zu sensibilisieren für Kommunikation und Seelenhygiene. Das dritte Segment sind Forschungs- und Bildungsprojekte zu „Glück, Gesundheit, soziales Lernen als Schulfach“, dazu haben wir Unterrichtsmaterial erarbeitet, das kostenlos im Netz zur Verfügung steht. Wer es genauer wissen will, findet auf www.humor-hilft-heilen.de weitere Informationen.

Wie haben Sie die Stiftung Theodora kennengelernt?

Das ist schon sehr lange her. Auf einer der ersten Konferenzen für Klinikclowns erlebte ich bereits die Brüder André und Jan Poulie und war beeindruckt von ihrer Vision und ihrer Professionalität. In Deutschland hat sich die Szene an sehr vielen verschiedenen Orten sehr bunt entwickelt. Das bedeutet leider auch oft wechselnde Führung, unterschiedliche Qualitätsstandards und keine gemeinsamen Fundraisingaktivitäten bis hin zu Konkurrenz zwischen den Teams. Da beneide ich die Schweiz für ihre klare Organisationsform, die für meine Stiftung «Humor hilft heilen» ein großes Vorbild ist.

Bei Ihren Auftritten in der Schweiz rufen Sie seit Jahren zur Unterstützung der Stiftung Theodora auf. Wofür steht für Sie die Stiftung Theodora?

Mich beeindruckt die Ernsthaftigkeit, mit der Bewerber auf ihre Eignung für die Tätigkeit im Spital mit Kindern ausgewählt und trainiert werden. Es braucht eben mehr als ein Kostüm und eine Nase, es braucht viel Handwerkszeug aber auch Supervision und Reflexion. Ich mag an Theodora das große Spektrum der Aktivitäten, von Operationsvorbereitung bis zur Adipositastherapie. 

In Ihrem Buch «Wunder wirken Wunder» schreiben Sie über die Kraft der positiven Gedanken. Was genau können diese bewirken?

Die positiven Wirkungen des Lachens und der Gedanken muss man ernst nehmen, so absurd es klingt. In den letzten Jahren gab es eine Revolution in den Gesundheitswissenschaften und der Psychologie. Endlich wird nicht nur geschaut, was die Menschen krank macht, sondern auch, was sie gesund hält und vor seelischen Belastungen schützt. Und da sind Humor, seine eigenen Stärken nutzen und Freunde die zentralen Schutzfaktoren. Die experimentelle Humorforschung ist schwieriger als ein Medikament zu testen, weil jeder Mensch über etwas anderes lacht. Meine Stiftung fördert Studien, um genauer herauszufinden, was genau wirkt. Auch die großen Volkskrankheiten wie Depression, Übergewicht und Rückenschmerzen hängen eng mit dem Thema Stimmungsregulation zusammen. Auch in der Psychotherapie ist eine Revolution im Gange. Statt auf den Defiziten der Kindheit herumzureiten, wird zunehmend auf die positive Kraft von humorvollen Geschichten gesetzt, die es ermöglichen, die Perspektive zu wechseln und zu neuen Lösungen zu kommen. Also, wenn man keinen Sinn für Humor hat – welchen dann?